Löwenmensch
 

Objektbeschreibung "Löwenmensch"

Statuette mit zoomorphen und
anthropomorphen Merkmalen

Mammut-Elfenbein, H 29,6 cm

Jüngere Altsteinzeit, Aurignacien,
um 30 000 v.Chr.

Fundort: Höhle Hohlenstein-Stadel,
Gde. Asselfingen, Alb-Donau-Kreis (Baden-Württemberg)

Ulmer Museum, Archäologische Sammlung,
Inv. Slg. Wetzel, Ho-St.39/88.1.


Der Löwenmensch wurde am 25. August 1939 bei den Ausgrabungen von Otto Völzing (geb. 1910) und Robert Wetzel (1898-1962) in der Stadel-Höhle am Hohlenstein auf der Mittleren Schwäbischen Alb entdeckt, in seiner Bedeutung aber erst 30 Jahre später erkannt. Dieses Felsmassiv im Lonetal bei Ulm war von 1937-39 und 1956-61 Ziel umfangreicher Untersuchungen, in deren Verlauf eine mächtige Schichtenfolge vom Mittelpaläolithikum, der Zeit des Neandertalers über das Jungpaläolithikum (Aurignacien, Magdalénien) bis in die Nacheiszeit ergraben worden war. Zu den bedeutendsten Funden gehören außer dem Löwenmenschen das Oberschenkelfragment eines Neandertalers und eine dreifache Kopfbestattung aus der Späten Mittelsteinzeit.

Am letzten Grabungstag des Jahres 1939 - der Beginn des 2. Weltkrieges stand unmittelbar bevor - barg O. Völzing im rückwärtigen Teil der Höhle annähernd 200 Elfenbeinsplitter. 1969 stieß Joachim Hahn (1942-1997) bei Inventarisierungsarbeiten auf die verpackten Fragmente. Er bemerkte Schnitzspuren an zahlreichen Bruchstücken und fügte die Einzelteile zu einer fast 30 cm großen, vollplastischen Figur zusammen: Eine aufrecht stehende Gestalt mit tierischen und menschlichen Merkmalen. Über zwei Radiokarbondatierungen an Tierknochen aus der Umgebung der Fundstelle konnte das Alter der Figur auf ca. 32 000 Jahre vor heute bestimmt werden. Nahe der Statuette kamen einige Abwurfstangen vom Ren, mehrere durchlochte Zähne vom Eisfuchs, Elfenbeinanhänger sowie einige Waffenspitzen aus Geweih zu Tage, die vielleicht in Verbindung mit dem Löwenmenschen im hinteren, dunklen Teil der Höhle deponiert worden waren.

Der zunächst nur unvollständig erhaltene Kopf wurde richtig als der eines Tieres (Löwe oder Bär) erkannt. Auf Kritik stieß Hahns Interpretation des Geschlechtes der Figur als männlich. Nach Auffindung und Anpassung weiterer Fragmente vor allem des Kopfes und des zweiten Armes konnte die Statuette 1988 umfassend restauriert werden. In diesem Zuge entstand eine umfassende wissenschaftliche Bearbeitung durch Elisabeth Schmid (1912-1994). Der Kopf war nunmehr zweifelfrei als der einer Raubkatze zu identifizieren, die aufmerksam in die Ferne blickt. Beide "Arme", von denen sich der schlechter erhaltene rechte nicht mehr direkt an den Corpus ansetzen ließ und daher nicht montiert ist, liegen eng am Körper an. Im Gegensatz zu J. Hahn kam E. Schmid zum dem Schluss, dass es sich um die Figur einer Frau mit dem Kopf einer Höhlenlöwin handele. Seitdem war und ist das Geschlecht des Löwenmenschen immer wieder Gegenstand teils stark ideologisch gefärbter Auseinandersetzungen auf dem Hintergrund der Stellung der Frau in altsteinzeitlichen Gesellschaften.

Eine sichere Deutung als weiblich oder männlich muss aber an der fragmentarischen Erhaltung der Statuette scheitern, deren originale Oberfläche an vielen Stellen des Corpus, insbesondere im Bereich des Ober- wie Unterkörpers, abgeplatzt und nicht mehr erhalten ist. Für Interpretationsversuche zur Klärung der Frage nach dem Geschlecht können nur Indizien herangezogen werden. Für die Deutung als Frau spricht vor allem die dreieckige Form einer Elfenbeinlamelle über dem Schritt der Statuette sowie Spuren eines tiefreichenden waagrechten Schnittes im Bereich des Unterleibes, den E. Schmid als Darstellung einer Bauchfalte interpretierte, wie sie bei weiblichen Aktdarstellungen von der antiken bis in die moderne Kunst zu beobachten ist. Die fehlende Mähne am Löwenkopf dagegen kann nicht mehr als sicheres Indiz für eine Löwin gedeutet werden, seit 1994 an der Ardèche die spektakuläre Entdeckung der Grotte Chauvet (Pont d'Arc) gelang. Dort sind nahezu vierzig Löwendarstellungen zu finden, die in keinem Fall eine Mähne zeigen. Dagegen sind einige Tiere durch die Abbildung des Hodensacks als männlich identifizierbar. Damit werden ältere Vermutungen bestätigt, dass sich der Höhlenlöwe von der Höhlenlöwin nicht durch eine ausgeprägte Mähne unterschieden hat.

Eine kritische Analyse des Gesamtkonzeptes der Figur lässt auch andere Deutungsmöglichkeiten zu. Das schlanke, langgestreckte und für einen Menschen viel zu lange Mittelteil der Figur, die prankenartigen und keinesfalls menschlichen Arme, der fließende Übergang der Beine in die Rückenlinie ohne Darstellung eines Hinterns sind alles Merkmale einer Tierfigur. Als menschlich können die Proportionen der Beine und Füße, die Darstellung von Knöcheln und natürlich die aufrechte Haltung verstanden werden. Bemerkenswert und schwer deutbar ist die Schrägstellung der Fußsohlen, die vielleicht eine Bewegung symbolisieren sollte. 

Man kann daher zu dem Schluss kommen, dass in der Figur des Löwenmenschen weit mehr tierische als menschliche Merkmale verborgen sind, wobei eine Charakterisierung als weiblich oder männlich möglicherweise überhaupt nicht beabsichtigt war. Betrachtet man lediglich die Beine und Füße sowie die aufrechte Haltung als menschlich, nähert sich die Komposition des Löwenmenschen den aus der Wandkunst einer um viele Jahrtausende jüngeren Periode der Jüngeren Altsteinzeit (Magdalénien) aus Südfrankreich bekannten Mischwesen wie den "Zauberern" aus den Höhle "Les Trois Frères" oder "Le Gabillou". Bei diesen fantastischen Figuren können lediglich die Beine und Füße als menschlich interpretiert werden, während der Restkörper ein Tier oder eine Mischung verschiedener Tiere darstellt. Auch diese Wesen sind in bewegter, "tanzender" Haltung dargestellt.

In der Figur des Löwenmenschen besitzen wir ein Relikt aus einer kaum deutbaren Vorstellungswelt des frühen Homo sapiens, deren Überbleibsel uns nur in winzigsten Ausschnitten - in Form rund eines Dutzend kleiner, teils nur fragmentarisch erhaltener Tierfigürchen aus lediglich drei Höhlen der Schwäbischen Alb (Vogelherd, Hohlenstein, Geißenklösterle) - erhalten ist. Viele dieser Figürchen tragen Zeichen unbekannter Bedeutung, eingekerbte Punkte, Strichbündel oder -kreuze,
so auch der Löwenmensch: 

Auf dem linken Arm finden sich sieben parallele, horizontal eingeschnittene Rillen. Die Statuette vom Hohlenstein-Stadel ist - noch vor dem Elfenbeinplättchen mit dem als anthropomorph deutbaren Halbrelief vom Geißenklösterle (vgl. Beitrag E. Keefer) - die mit Abstand größte und spektakulärste Figur dieses Ensembles ältester beweglicher Kunst der Menschheit aus dem Zeitraum vor 30 000 bis 40 000 Jahren. Natürlich legt eine Kombination menschlicher Merkmale mit denen des Höhlenlöwen als gefährlichstem Raubtier der letzten Eiszeit eine absichtliche Wahl nahe, natürlich erinnert sie an die Darstellung von Schamanen. Das Faszinierende dieser - sehr sorgsam und arbeitsaufwendig mit Feuersteinmessern aus einem Mammutstoßzahn geschnitzten - Figur liegt heute aber im Interpretationsspielraum ihrer Gestalt, dem eine Beschränkung auf die Diskussion über das Geschlecht allein sicher nicht gerecht wird.

Kurt Wehrberger M.A.

Ulmer Museum

Archäologische Sammlung


Ausgewählte Literatur

5 millions d'années. L'aventure humaine. Ausstellungskatalog Brüssel 1990.

Bahn, P.G., Vertut, J.: Journey through the Ice Age. London 1997.

Hahn, J.: Die Stellung der männlichen Statuette aus dem Hohlenstein-Stadel in der jungpaläolithischen Kunst. Germania 48, 1970, 1-12.

Hahn, J.: Kraft und Agression. Die Botschaft der Eiszeitkunst im Aurignacien Süddeutschlands? Archaeologica Venatoria Bd. 7, Tübinbgen 1986.

Müller-Beck, H.: Die Steinzeit. Der Weg der Menschen in die Geschichte. München 1998.

Ryan, R.E.: The strong eye of shamanism. A Journey into the caves of consciousness. Rochester 1999.

Schmid, E.: Die altsteinzeitliche Elfenbeinstatuette aus der Höhle Stadel im Hohlenstein bei Asselfingen, Alb-Donau-Kreis. Fundberichte aus Baden-Württemberg 14, 1989, 33-96.

Vialou, D.: La Préhistoire. Paris 1991.

Wehrberger, K.: Der Löwenmensch. In: Der Löwenmensch. Tier und Mensch in der Kunst der Eiszeit. Ausstellungskatalog Ulm 1994. Sigmaringen 1994, 28-45.

Wehrberger, K.: Raubkatzen in der Kunst des Jungpaläolithikums. In: Der Löwenmensch. Tier und Mensch in der Kunst der Eiszeit. Ausstellungskatalog Ulm 1994. Sigmaringen 1994, 52-75.


  Seitenanfang   zurück